Unverwechselbares Kennzeichen: Fingerabdruck

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jens
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Unverwechselbares Kennzeichen: Fingerabdruck

Beitrag von jens »

Zusammenfassung:
Fingerabdrücke von Affen und Menschen haben das gleiche Grundmuster, eine Zuordnung ist unmöglich. Andererseits gibt es aber zwischen allen Fingerabdrücken, die jemals miteinander verglichen wurden, derart deutliche Unterschiede, dass Fingerabdrücke zum Inbegriff von Unverwechselbarkeit werden konnten. Die Kriminologie und neuerdings auch die Biometrie machen sich diese Besonderheit verstärkt zunutze.
Mensch und Affe haben vieles miteinander gemeinsam- nicht nur im Verhalten. Das zeigt schon der flüchtige Blick auf die Hände und den im Tierreich einzigartigen beweglichen Daumen der Primaten. Die Ähnlichkeit geht aber noch viel weiter: Die Fingerabdrücke von Mensch und Affe lassen sich nicht voneinander unterscheiden. So viel verwandtschaftliche Nähe geht nun wirklich unter die Haut.

Priv. Doz. Dr. Gertrud Klauer, Morphologin/Anatomin, Universität Frankfurt:

"Dazu müssen wir zuerst einmal wissen, dass es diese Fingerbeeren-Haut oder Fingerabdruck-Haut nur dort gibt, wo es keinerlei Haare gibt. Dort sieht die Haut ein bisschen anders aus.
Sie ist also einmal eingeteilt in eine Oberhaut und eine Unterhaut. Die Oberhaut ist sehr dick und sie hat das Problem, dass sie versorgt werden muss mit Sauerstoff und Nährstoffen. Sie hat selbst keine Gefäße, muss also von hier unten versorgt werden. Und wenn sie besonders dick wird, dann kann sie das nicht mehr selber, sondern sie wird in Falten gelegt nämlich zunächst einmal an der Unterseite. Und jetzt können die Blutgefässe von beiden Seiten heran und diese dicke Haut gut mit Nährstoffen versorgen. Das ist das eine, was mit der Haut passiert. Das zweite ist, was an der Oberseite sich als Finger-Hautleisten zeigt, nämlich auch an der Oberseite sich die Haut in Falten legt. Und das ist jetzt interessanter. Warum das?"

Die Hautrippen geben Halt. Sie verhindern, dass Dinge gar zu leicht aus den Fingern gleiten. Besonders günstig ist dabei, dass das Hautprofil auf Fingern und Zehen im Muster von fast konzentrischen Ringen angeordnet ist: Eine universelle Rutschsicherung für jede Fingerhaltung, eine Spitzenleistung der Evolution, bei Mensch und Affe gleichermaßen bewährt.
Links der Fingerabdruck eines Schimpansen, rechts der eines Menschen - vollständig austauschbar.

Priv. Doz. Dr. Gertrud Klauer, Morphologin/Anatomin, Universität Frankfurt:
"In einer zweiten Ebene wird genau dieses Muster benutzt, um mit dieser Haut auch zahlreiche Informationen aus der Außenwelt aufzunehmen. Die ganze Haut ist im Grunde genommen versorgt mit zahlreichen Tastkörperchen, die Informationen aufnehmen. Und die Anzahl der Tastkörperchen ist auch besonders hoch an den Fingern, an denen wir besonders fein tasten: am Zeigefinger und am Daumen."

Die Hautrippen machen unsere Finger also nicht nur zu Pinzetten, sondern auch zu Sinnesorganen, um Vertrautes wieder zu erkennen und Neues zu ertasten.

Und dann auch noch dies: Das Muster jedes Fingers ist unveränderlich und bei keinen zwei Fingern exakt gleich. Damit kommt der Kriminalist ins Spiel:

Alois Lacher, Kriminalhauptkommissar, Landeskriminalamt Bayern:
"Das Sichtbarmachen und Konservieren einer Fingerspur ist im Prinzip gar nicht schwierig: Man benötigt etwas Pulver, am besten Russ aus dem Ofen, einen weichen Pinsel aus dem Malkasten und Klebstreifen."

Im Prinzip also ganz einfach! Doch die Hauptarbeit beginnt erst danach: im Zuordnen einer Fingerspur zu einer Person.
Für die Wissenschaft ist immer noch rätselhaft, woher es kommt, dass unsere Fingerabdrücke derart unverwechselbar sind, obwohl das Grundmuster ja schon genetisch angelegt ist. Vielleicht - dahin geht die Vermutung heute - sind es kleinste "Störungen", die das Muster während der Embryonalphase individualisieren. Erstaunlich ist aber auch dies:

Alois Lacher, Kriminalhauptkommissar, Landeskriminalamt Bayern:
"Ich kann auf gar keinen Fall sagen, welche Hautfarbe die Spuren-Verursacher hier hatten. Ich kann nicht sagen, wie alt die einzelne Person war. Ich kann auch nicht sagen, wie alt die Spur selbst ist, also wie lange sie schon hier ist - Das ist für das Tatgeschehen häufig ausschlaggebend. - Ich kann auch nicht erkennen oder feststellen, welche Finger zu welcher Hand gehören.
Die Fingerabdrücke sind grundsätzlich individuell. Jeder Mensch hat eigene. Selbst eineiige Zwillinge unterscheiden sich in jedem einzelnen Finger."

Schon ein Gegenbeispiel könnte diese Aussagen widerlegen. Aber das fehlt bis heute. Vielleicht deshalb:

Prof. Angelika Steger, Theorie der Informatik, Technische Universität München:
"Wenn man beispielsweise mal seinen Daumen anguckt und versucht zu zählen, wie viele Linien man da drauf hat, dann kommt man auf eine Größenordnung von vielleicht 60. Um einmal ein ganz einfaches Experiment zu machen, stellen wir uns einen abstrakten Daumen vor - das wäre dann ein 60 mal 60 - Feld, und wollen nun die Anzahl der Linien zählen von links oben zum rechten Seitenrand. Und wir stellen uns vor, mit jedem Schritt dürften wir entweder nach rechts oder nach unten gehen. Dann wird das ungefähr so aussehen. Wie viele Möglichkeiten hätten wir da? Nun ja. 60mal dürfen wir uns entscheiden, und jeweils haben wir zwei Möglichkeiten. Also gibt es 2 hoch 60 solcher Linien. Und das ist ungefähr 10 hoch 18.
Das heißt: Wir haben 10 hoch 18 Möglichkeiten, eine einzige Linie durchzuziehen. Unser Daumen - der Fingerabdruck - ist viel komplexer, hat also viel mehr Möglichkeiten als 10 hoch18. Aber 10 hoch 18 ist schon so groß, dass bei einer Weltbevölkerung von im Moment - sagen wir: 6 Milliarden - die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Personen den selben Fingerabdruck haben, viel, viel kleiner ist als die Wahrscheinlichkeit - wenn Sie Lotto spielen und jedes mal nur einen Spielschein abgeben- , zwei Wochen hintereinander jeweils sechs Richtige zu haben mit Zusatzzahl. Ich glaube, das sieht jeder ein, dass das sehr, sehr unwahrscheinlich ist."
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