Erklärung: Genetische Fingerabdrücke

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jens
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Erklärung: Genetische Fingerabdrücke

Beitrag von jens »

Mit der DNA auf Tätersuche: Um den Schuldigen zu identifizieren genügt eine einzige Zelle.
DNA-Profil

19. April 2000. Die Staatsanwaltschaft Dijon hat die Wiedereröffnung der Akten im Mordfall des kleinen Grégory angeordnet. Dieses Gerichtsverfahren soll die Suche nach dem genetischen Fingerabdruck ermöglichen, den der Schreiber der anonymen Briefe beim Frankieren auf den Briefmarken hinterlassen haben muss.

Diese Affäre hat in Frankreich viel von sich reden gemacht, aber auch die Biologie verfügt über eine Methode, die im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Zum Verständnis des genetischen Fingerabdrucks, ist eine Wiederholung des Lehrstoffs vonnöten. Öffnen wir also unsere Hefte auf der Seite DNA. Jeder Kern der Tausenden von Milliarden Zellen unseres Körpers enthält seine eigene DNA Doppelhelix. Dieses große Molekül, in dem das gesamte genetische Erbe eines jeden Individuums in Form eines langen Satzes niedergelegt ist, setzt sich aus lediglich vier Buchstaben zusammen: A, G, T und C. Alle Zellen benutzen den Teil der DNA, der für sie relevant ist. Aber ein riesiger Abschnitt besitzt keinerlei Bedeutung, zumindest haben die Wissenschaftler bis heute nicht erforschen können, wozu er dient. Man nennt ihn den "stummen Bereich".

Doch dieser Abschnitt ist für die Welt nicht verloren, genau damit operiert nämlich die Kriminalistik. Immer weitreichendere Forschungen haben ergeben, dass diese nicht zugewiesenen Stücke der DNA-Kette eine Besonderheit aufweisen: Die Buchstabenfolge ist immer dieselbe und unterscheidet sich lediglich in ihrer Länge. Diese Abschnitte der DNA tragen den etwas überraschenden Namen "Mikrosatelliten". Und die zweite fundamentale Erkenntnis: Für jede betrachtete Länge ist die Zahl dieser Mikrosatelliten jedem Individuum eigen, genauso wie ein Fingerabdruck. Und nun sind wir beim Thema.

Um den Schuldigen zu identifizieren - mein lieber Watson - oder den Unschuldigen, oder den Papa, oder die Mama, oder den kleinen Prinzen, genügt eine einzige Zelle samt Zellkern. Und es ist unglaublich, wie viele Zellen man da so mit sich herumschleppt - sie stammen aus den Haaren, dem Bart, der Haut, dem Schleim. Sie sind in der Luft, im Schweiß - und in den Speichelrückständen auf einer Briefmarke. Der Inspektor muss sie nur noch mit einer wirklich winzigen Pinzette einsammeln - viel kleiner als die hier - und ganz vorsichtig ins gentechnische Labor schicken.

In dieser DNA ermitteln die Techniker die Mikrosatelliten, und mit Hilfe eines sehr verlässlichen chemischen Sortiervorgangs erstellen sie eine Kopie dieser - und wirklich nur dieser - Abschnitte.

Dann werden von jeder Kopie mit dem selben Auswahlverfahren wieder neue Kopien gezogen, bis man schließlich einen ganzen Topf von DNA-Abschnitten zusammen hat. Das ist sozusagen die wundersame Brotvermehrung im Reich der Genetik, berühmt geworden unter dem Namen "genetische Verstärkung".

Mit einen Gel vermischt, unter elektrischen Strom gesetzt - und schon trennen sich die einzelnen Segmente voneinander und reihen sich selbst entsprechend ihrer Länge nach ein. Sie schließen sich zu einem hübschen Muster zusammen, das ein wenig an einen Balkencode erinnert. Schön, wie die Natur das eingerichtet hat - besonders in einem Laboratorium.

Nun vergleicht man diesen Balkencode mit dem des Verdächtigen, oder des Vetters, oder des Papas, oder der Mama, oder des kleinen Prinzen. Inspektor Derrick neigt sich mit seiner Lupe darüber und sagt: "Das ist er." Oder: "Das ist er nicht." Die Antwort ist sicher, sozusagen wissenschaftlich - meine Herrn Richter.

Dies ist also eine Methode, die zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte eine wirkliche Lösung darstellen könnte, um Licht ins Dunkel aller Rätsel der Geschichte, der Justiz und der Abstammungslehre zu bringen.

Aber die Polizei weiß sehr wohl, dass eine derart perfektionierte Technik noch immer auf Gedeih und Verderb zahlreichen Unwägbarkeiten ausgeliefert ist, die im enthusiastischen Medieninteresse zuweilen untergehen.

Wenn der DNA-Abschnitt nicht vom Verdächtigen oder von der zu identifizierenden Person stammt, sondern von einer Zelle, die zufällig dort hinein geriet, kann das im Augenblick der Analyse niemandem auffallen. Wenn sich im Labor ein anderer DNA-Abschnitt - beispielsweise aus den Haaren oder von der Hand desjenigen, der die Analyse durchführt - unter die eigentliche Probe mischt, wird sie über die genetische Verstärkung unterschiedslos reproduziert.

Wenn - entsprechend der statistischen Wahrscheinlichkeit, die von den Wissenschaftlern noch heftig diskutiert wird - ein anderes Individuum den gleichen Balkencode besäße, könnte dieser das Opfer einer neuen Art von Justizirrtum werden - dem genetischen.

Und angesichts der gewichtigen Justiz, der Polizei, der Wissenschaft und der öffentlichen Meinung, die diesem wunderbaren, neuen Instrumentarium gleichermaßen enthusiastisch gegenüberstehen, wären etwaige Justizirrtümer nur schwer zu korrigieren.
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DNA-genetischer Fingerabdruck
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