Von der Rückkehr zum Durchschnitt.

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jens
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Von der Rückkehr zum Durchschnitt.

Beitrag von jens »

Alle sind mittelmäßig

Die Lehrerkonferenz läuft auf Hochtouren und die Lehrer überprüfen die Noten ihrer Schützlinge.
"Merkwürdig", meinte der Mathematiklehrer, "die Schüler, die bei der Zwischenprüfung im März die besten Noten hatten, können im Durchschnitt bei der Abschlussprüfung im Juni nur mit weniger guten Leistungen aufwarten. War ihr Selbstvertrauen zu groß, haben sie sich deshalb weniger angestrengt?"

"Ich beobachte das gegenteilige Phänomen", bemerkte der Französischlehrer. "Die Schüler mit den schlechtesten Noten haben sich anscheinend zusammengerissen, fleißiger gearbeitet und ihr Ergebnis bei der Abschlussprüfung verbessert."

Archipi, vom Schuldirektor als externer Berater bestellt, lächelte über die Ungereimtheiten, die die Lehrer da von sich gaben. "Ihre Interpretationen sind falsch", nörgelte er. "Dieses Phänomen wurde von dem britischen Naturforscher Francis Galton (1822-1911) entdeckt, dem Begründer der modernen Statistik. Galton hat festgestellt, dass die Kinder großwüchsiger Eltern oft größer sind als der Durchschnitt, jedoch kleiner als ihre Eltern. Umgekehrt sind die Nachkömmlinge eher kleinwüchsiger Eltern von kleiner Statur, jedoch größer als ihre Erzeuger. An dieser Tatsache ist nichts Geheimnisvolles: Die Größe der Kinder ist das Ergebnis genetischer Verbindungen, aber auch vom familiären Umfeld, der körperlichen Ertüchtigung usw abhängig....
Beim Bestehen eines Examens spielt sicherlich die zuvor erbrachte Arbeit eine große Rolle, aber auch zahlreiche andere Faktoren, wie das Interesse am jeweiligen Fachgebiet, eine erholsame Nachtruhe vor dem Prüfungstag, usw.... Das Ergebnis wird also von verschiedenen Umständen beeinflusst. Schauen wir uns die Notenverteilung einmal genau an. Sie folgt der sogenannten Gaußschen Glockenkurve, die ihren Namen dem Mathematiker Carl Friedrich Gauß verdankt (1777-1855). Bei einer Prüfung erzielen wenige Schüler sehr gute Noten, einige auch sehr schlechte, und – weil Zufälle sich ausgleichen – kommen viele der Prüflinge auf durchschnittliche Ergebnisse. Diejenigen, die bei der Zwischenprüfung viel Glück hatten, tauchen in der Kurve ganz rechts auf. Da ihnen das Glück beim Abschlußexamen dann normalerweise aber weniger hold ist, nähern sie sich dem Notendurchschnitt an: eine regressive Entwicklung in Richtung Mittelmaß – und umgekehrt."

"Ich verstehe", rief der Sportlehrer, "man darf die Ergebnisse nicht mit einer einzigen Ursache begründen, wenn sie auf vielfältige Faktoren zurückzuführen sind. Bei den Sportlern ist es ähnlich: Sie mögen es nicht, wenn ihr Bild auf den Titelseiten der Zeitungen erscheint, weil danach vielleicht die Gerüchteküche zu brodeln beginnt und sie weniger gute Resultate erzielen. So, als hätte ihnen ihre Berühmtheit Unglück gebracht..."

"Obwohl es sich auch hierbei nur um eine regressive Entwicklung in Richtung Durchschnitt handelt", fährt Archipi fort. "Die ausgezeichnete Verfassung des Sportlers, aber auch ein wenig Glück, haben zu einer Glanzleistung geführt. Und von den Journalisten werden sie wegen dieser außerordentlichen Resultate als Stars gefeiert. Dann aber treffen sie irgendwann auf weniger günstige Bedingungen – leider – und sie können ihre Heldentaten nicht wiederholen. Das ist ganz einfach zu verstehen, wird aber leicht mit einer einzigen Ursache – vielleicht einer falschen... und mit Aberglaube begründet."

"Und der Aberglaube", bemerkte der Französischlehrer abschließend, "ist die Kunst, die Zufälle des Lebens seinem eigenen Dasein anzupassen, wie Jean Cocteau es umschrieb."
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