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Wie funktioniert der Lügendetektor?

Verfasst: 22.10.2005, 15:15
von jens
Wie funktionieren Lügendetektoren und wo liegen die Gefahren bei ihrem Einsatz?
Der Lügendetektor

Die Voraussetzung für jeden Test: Er muß freiwillig sein.
Als erstes werden zwei Elektroden angeschlossen. Sie ermitteln den Schweißgehalt der Haut. Die beiden Schläuche um Bauch und Brust messen Häufigkeit und Intensität der Atmung. Auch Puls und Blutdruck werden gemessen - mit einer Manschette um den Oberarm. Wie beim Arzt.
Wenn der Test beginnt, kennt die Testperson bereits die Fragen. Aus einem Vorgespräch. Das soll ihr die Angst nehmen. Ein Test mit dem Lügendetektor dauert rund eine halbe Stunde. Ein PC mit entsprechender Software zeichnet die Ergebnisse auf. Am Anfang des Tests stehen Fragen ganz allgemeiner Art.

„Ist heute Montag?"

„Nein"

„Wollen Sie alle Fragen bezüglich der Vorfälle ehrlich beantworten?"

„Ja"

„Sind Sie sicher, daß ich nur die besprochenen Fragen stellen werde?"

„Ja"

„Haben Sie vor 1994 jemals eine Person zu sexuellen Aktivitäten gedrängt?"

„Nein"

„Haben Sie die Scheide Ihrer Tochter berührt?"

„Nein"

„Haben Sie sich vor 1994 jemals ungewöhnliche Sexpraktiken gewünscht?"

„Nein"

„Haben Sie vor 1994 Sexuelles getan, wofür Sie sich schämen?"

„Dieser Testabschnitt ist nun beendet. Bitte bleiben Sie noch ruhig."

Nur Fachleute können einen Test mit dem Lügendetektor sinnvoll durchführen. Worauf kommt es dabei besonders an?

Dr. Dr. Josef Salzgeber, Gesellschaft für wissenschaftliche Gerichts- und Rechtspsychologie, München
„Im wesentlichen kommt es auf drei Bereiche an: Im Vorgespräch wird mit dem Probanden ein spezielles Klima geschaffen, damit alles andere ausgeblendet wird, was nicht wichtig ist. Zweitens werden die tatbezogenen Fragen genau formuliert. Eine Frage, die sehr vage ist, zum Beispiel ob er Geld gestohlen hat, wäre eine unsinnige Frage. Es muß genau nach einer bestimmten Menge Geldes, die er möglicherweise aus einem Safe genommen hat, gefragt werden und ganz wichtig ist, daß die Fragenreihe mindestens dreimal oder öfters durchlaufen wird."

Einerlei, ob die erhobenen Daten auf einem Monitor erscheinen oder wie früher mechanisch auf Papier übertragen werden, was sagen die erhaltenen Kurven schließlich aus? Ein Beispiel:

Dr. Dr. Josef Salzgeber
„Wir haben hier die Reaktionen auf drei verschiedene Fragen. Ganz deutlich sind die Reaktionen hier beim Hautwiderstand bei der Frage eins und bei der Frage zwei. Diese beiden sind wesentlich erhöhter als dieser Ausschlag, der bei Frage drei zu sehen ist. Das bedeutet: Diese Frage hatte mehr Bedeutung für den Probanden als diese Frage. Wenn man genauer hinsieht, sieht man auch noch, daß die erste Frage auch beim Blutdruck und beim Blutvolumen eine stärkere Reaktion ausgelöst hat als bei Frage zwei, wo ein Abfall des Blutdrucks ersichtlich ist, ebenso bei der Frage drei. Und wenn man noch genauer hinsieht, sieht man bei der Atmung - hier sind es die beiden Abnehmer, einmal die Atmung am Oberkörper, hier die Atmung am Bauch, auch hier sieht man eine steigende Reaktion. Gleich nach der Frage war die Einatmungsbewegung relativ gering, dann wird sie wesentlich höher. Das heißt er hat hier fast die Luft angehalten, während wir hier sehen, daß er sofort bei der Beantwortung durchgeatmet hat. Auch hier sieht man sehr deutlich die stärkere Reaktion als zum Beispiel bei dieser Frage oder bei dieser."


Der Lügendetektor mißt also nicht die Wahrheit, sondern bestimmte Körperreaktionen. Diese werden interpretieret. In den 80er Jahren mußten sich in Amerika etwa eine Million Bürger jährlich einem Test mit dem Lügendetektor unterziehen. Wer sich weigerte, verlor seinen Job oder bekam erst gar keinen.
Erfunden wurde der Polygraph 1921 von dem Kanadischen Medizinstudenten J.A. Larson. Bald darauf kam es zum ersten Einsatz in einem Strafprozeß. In Deutschland findet der Lügendetektor, wenn es um den sexuellen Mißbrauch bei Kindern geht, gelegentlich Anwendung. Väter, die unter Verdacht stehen, lassen sich testen. Tendenz steigend.

Kann und darf man jeden testen, der sich zur Verfügung stellt?

Dr. Dr. Josef Salzgeber
„Wir testen nicht alle Personengruppen, dazu gehören Kinder, dazu gehören Alkoholiker, Drogenabhängige, und psychisch kranke Menschen. Zum Austricksen: Der Polygraph kann ausgetrickst werden - wie jedes psychologische Untersuchungsverfahren. Aber die Person müßte ganz genau wissen, wann die entscheidende Frage gestellt wird und das ist doch recht unwahrscheinlich."

Lügendetektoren werden in vielen Ländern der Welt eingesetzt, zum Beispiel in Israel, Japan, oder Rußland. Auch in der Türkei. Scheinwerfer blenden. Der Fragesteller ist für den Verdächtigten nicht sichtbar. Aufnahmen von 1990 zeigen, wie Polizeischüler in der Türkei die Technik des Verhörens lernen. Man übt den Gebrauch des Lügendetektors. Bilder eines Propagandafilm sollen beweisen: Es gibt keine Folter in der Türkei. Denn die Wahrheit könne man auch ohne körperliche Gewalt herausbekommen - mit dem Lügendetektor.
Nicht nur wegen solcher Tatsachen steht der Lügendetektor in der Kritik. Der Vorwurf der Gegner: Lügendetektoren sind zu ungenau. Und: Es gibt Täter, die perfekt lügen, weil sie sich eine Geschichte zurechtgelegt haben, an die sie selber glauben.
Gibt es also Möglichkeiten, Fehlerquellen auszuschließen?

Prof. Dr. Rainer Schandry, Institut für Psychologie, Universität München
„Da gibt es eine ganze Reihe von Ebenen. Eine Möglichkeit wäre, daß man die Aktivität der Pupille genauer studiert, Eine andere wäre, daß man die Aktivität der Herzens genauer untersucht. Eine dritte, sehr wichtige wäre, die Prozesse im Hirn genauer zu studieren, zum Beispiel Durchblutungsveränderungen im Gehirn oder auch Stoffwechselveränderungen im Gehirn."

Die Überlegung ist folgende: Ob ein Befragter täuscht oder nicht - das läßt sich doch auch dort messen, wo die Lüge entsteht, an der Großhirnrinde selbst. Neue Forschungsergebnisse aus den USA belegen: Die Informationsverarbeitung des Gehirns läuft beim bewußten Lügen anders ab. Wird der Lügendetektor der Zukunft solche Computertomographien liefern?
Fest steht: Der Einsatz von Hightech bei der Suche nach der Wahrheit führt zu immer besseren Ergebnissen. Fest steht aber auch - es kann mehrere „Wahrheiten" geben. Auf die Perspektive kommt es an. Wer den Detektortest besteht, ist vom Tatverdacht erst einmal befreit.
Wer hingegen durchfällt, bleibt weiterhin unter Verdacht, ist aber noch längst nicht überführt.